Bamboo und Sloggi

 

Dort sitzt er im Dunkeln. In der staubigen Ecke zwischen Waschmaschine und Trockner. Seine Zeit ist bald zu Ende, das weiss er. Jetzt, wo es Frühling und wärmer wird. Da brauchen die Menschen keine thermoregulierenden Socken mehr. Bamboo, so heisst er. Und er liebt Bambussocken. Sein täglich Brot. Da sind nur zwei Frauen im Haus, die solche tragen. Nur zwei. Beim letzten Versteck, ein paar Häuserblocks weiter, da waren es vier. Er hat immer nur eine Socke genommen. Die Frauen waren verzweifelt. Sie fluchten leise und durchwühlten ihre Wäscheberge nach der zweiten fehlenden Socke. Eine kaufte sich daraufhin ein neues Paar. Welch Glück er da gehabt hat! Aber irgendwann konnte sich Bamboo nicht mehr zusammenreissen und hat statt einer gleich noch die zweite gefressen. Manchmal fiel das gar nicht auf. Aber bei nur einer?

 

Und jetzt sitzt er inmitten von Spinnweben und Federn eines Kissens und nagt an seinen Fingernägeln. Bald ist Sockenzeit vorüber. Und er muss wieder auf Diät. Das kackt ihn dermassen an, dass er gleich ein Loch in die Ferse einer Wollsocke beisst. Bäh! Wie eklig! Wer trägt heute denn noch echte Wollsocken? Die müffeln so gottsjämmerlich, dass es ihm fast den Magen umdreht. Bambussocken, oh Gott segne mich, die stinken nie! Vielleicht liegt’s an den Frauenfüssen, am Frauenfussschweiss.

 

Jetzt geht plötzlich das Licht an und eine dicke Walze von Frau kommt schnaubend in die Waschküche, in ihren Händen einen Korb mit einem Berg von Dreckwäsche. Bamboo drückt sich feste in die Ecke und betet: «Eine Bambussocke, bitte! Nur eine! Ich geh’ nachher bestimmt auch zur Beichte – ich schwör’s!»

 

Bamboo hockt wieder in seiner Ecke und betet den Rosenkranz. Zwei hat er vom Priester aufgebrummt bekommen. Und zwei Vater-Unser. Aber jetzt hat sich die Sache wieder für ein paar Wochen erledigt.

Auf einmal drückt sich etwas Pummeliges der Wand und dem Trockner entlang und steht dann schnaufend vor Bamboo.

«Hättest du eine Türglocke gehabt, dann hätte ich geläutet.» Dann wischt sich das Ding die Spinnweben aus dem Haar.

«Gutes Material hier?», fragt es.

Bamboo guckt nur blöd aus der Wäsche. Er mag keine Gäste, vor allem keine unangemeldeten.

«Sorry, Vorstellung vergessen!», sagt das Ding und streckt ihm die Hand hin. «Sloggi. Na, du weisst schon. Die Damenunterwäsche, die nicht zwickt und einschneidet.»

«Und jetzt bist du zum Sloggifressen da?», mutmasst der etwas stinkige Bamboo.

«Exakt.»

«Dann nimm dir, was du brauchst und hau ab!», sagt er wirsch zum Sloggi.

«Heilandsack, musst nicht gleich so muff sein, ich klau’ dir deine Bambussocken nicht, keine Panik auf der Titanik!»

Da geht die Türe auf und eine junge Frau stellt ihren Wäschekorb vor die Maschine, verschwindet dann aber wieder.

«Let`s party!», schreit das Sloggi und hüpft mit einem Kopfsprung in den Korb Dreckwäsche. Shirts fliegen raus, Küchentücher, Hosen … Sloggi wühlt und wühlt und Bamboo denkt nur: Leck du mir am Arsch, nicht mal im feuchten Keller hat man seine Ruhe.

Dann brüllt das Sloggi plötzlich: «Da!»

Es streckt triumphierend einen Damenslip hoch in die Luft und wedelt damit hin und her. Bamboo hält sich eine Hand über die Augen. Den zweiten Rosenkranz lässt er heute aus.

 

Waschküche. Zappenduster. Die Stille wird nur gestört durch das Wubbeln des Trockners und durch einen Jeansknopf, der rhythmisch gegen die Trommel schlägt, pling, pling, pling … und (wenn man ganz genau hinhört) Schmatzgeräusche.

Bamboo hält einen Sicherheitsabstand zum Sloggi. Er traut ihm nicht über den Weg.

Beide sind am Essen und sprechen kein Wort. Da räuspert sich Bamboo und sagt: «Darf ich dich was Persönliches fragen … also was ganz Intimes?»

Sloggi nickt: «Klaro. Schiess los.»

«Ähm … isst du deine Unterwäsche sauber oder ... gebraucht?»

Das Sloggi blickt erstaunt auf. «Ja Himmelherrgott nochmals, meinste ich hab gerne Weichspülerreste in meiner Fresse?! Du mampfst deine Socke ja auch getragen!»

«Das was anderes. Die stinken nicht. Die sind besonders.»

«Ach, du olle Oma, jetzt komm mir nicht so! Zur Info: Ich fress nur die elastischen Bündchen oben und am Beinausschnitt.»

«Ja so», murmelt der Bamboo.

Stille.

Plötzlich pupst das Sloggi so laut, dass Bamboo beinahe die Socke aus der Hand fällt.

«Sorry», sagt das Sloggi leise. «Das liegt am Elasthan-Anteil, der ist etwas schwer verdaulich.»

Bamboo guckt sauer. Der Appetit ist ihm gehörig vergangen.

Stille.

Das Sloggi furzt nochmals. Jetzt platzt Bamboo der Kragen. Er nimmt seine angefressene Socke und stülpt sie mit Schwung über das ganze Sloggi. Dann bindet er die Socke unten mit seinem Rosenkranz zusammen.

«Mmh! Mmmhmm!», macht das Sloggi.

«Jetzt tu nicht so blöd, diese Socken sind atmungsaktiv!», schreit Bamboo.

Dann packt er seine Siebensachen zusammen und verlässt die Waschküche auf Nimmerwiedersehen.

 

 

(inspiriert durch @mimikrithu 's «Socken» von Instagram, 2024)

 

 

 

 

 

 

 

 

Erstelle deine eigene Website mit Webador