Der Morgen danach

 

Ich schnelle im Bett hoch, als mich etwas in die grosse Zehe beisst. Am Fussrande des Bettes sehe ich einen grauen Katzenkopf, die Ohren zurückgelegt. Ich blicke mich um. Rosarote Vorhänge. Achtung! Da stimmt was nicht! Auf dem kleinen Nachttisch zwei halbvolle Gläser Rotwein, eines oben verschmiert mit billigem Lippenstift. Dann drehe ich mich langsam um und ahne schon, was mich erwartet. Da liegt sie. Eine Frau. Eine Fremde. Tief schlafend atmet sie durch die Nase. Ihr schwarzes Make-up zerlaufen, ihre Augen scheinen wie die von Batman`s Joker und ich wäre nicht überrascht, wenn sie sie jetzt, jetzt gleich sperrangelweit aufreissen würde. Ich neige meinen Kopf ein wenig und beuge ihn etwas näher an ihr Gesicht. Diese Frau hat echt schöne, feine Lippen. In dem Moment öffnet sie den Mund weit, um Luft durch den Rachen zu ziehen. Mit lautem Schnarchen kommen ihre Zähne zum Vorschein. Die oberen Schaufeln stehen stark nach vorne ab. Hasenzähne. Ich habe gestern Abend wohl einen Mund mit Hasenzähnen geküsst. Und dabei erinnere ich mich nicht einmal mehr an ihren Namen! Ruth? Nein, länger. Monika? Nö, da war etwas mit einem «U» im Wort, bestimmt. Ulrike?

Leise schleiche ich aus dem Bett und suche meine Klamotten zusammen. Nachdem ich das Klo gefunden habe, sitze ich auf der Schüssel und versuche, den gestrigen Abend zu rekonstruieren. Dabei läuft die graue Katze den Flur entlang, bleibt kurz vor der offenen Klotüre stehen, guckt mich in kritischem Kampfmodus an, geht dann aber weiter. Laura? Ursula?

Da war diese Bar. Da war Tequila auf`m Tisch. Mit Salzstreuer und einem Schälchen mit Zitronenschnitzen. Und dann war da Ute oder Ulla, die mich mit ihren Hasenzähnen anleuchtete, als wären sie radioaktiv verstrahlt. Jedenfalls wollte ich näher an diese Zähne, ganz nah. So nah, dass ich mich jetzt frage, wo ich mich eigentlich befinde.

In der Küche sehe ich keine Kaffeemaschine, dafür einen Toaster. Ich werfe zwei Brotscheiben hinein und suche dann im Kühlschrank nach Butter und Milch. Und dann geschieht alles auf einmal: Die graue Katze krallt sich mit Anlauf beissend in meine Wade, die Toastscheiben spicken heraus, und an der Küchentüre steht kreischend die Hasenzahnfrau.

... Und mir fällt endlich ein: Susanne!