Eiszapfen

 

 

Ein grosser und ein kleiner Eiszapfen hängen an der Dachrinne, genau über dem Eingang eines Mehrfamilienhauses.

Der Kleine: «Ui, wie bist du nur so gross geworden?»

«Zeit, mein Kind, alles hat seine Zeit. Du musst Geduld haben.»

«Och menno!», nörgelt der Kleine. «Warten ist so laaangweilig!»

«Überhaupt nicht. Es geschehen da draussen so viele Dinge und du sitzt in der ersten Reihe. Das ist ein Privileg.»

Der Kleine gähnt nur.

 

Da öffnet sich die Haustüre und ein Mann mit groben Arbeiterschuhen und Schutzhelm kommt heraus.

«Siehste. Das ist der Ali. Der kommt morgens immer als Erster aus dem Haus, geht zum Bus und fährt auf die Baustelle.»

Der Kleine guckt mit grossen Augen dem Ali nach.

Nach einer Weile öffnet sich die Türe wieder und eine junge, hübsche Frau tritt heraus und geht zu ihrem Fahrrad.

«Das ist die Susi. Die kommt relativ früh raus, um an der Uni einen guten Platz im Hörsaal zu ergattern.»

Der Kleine erstaunt: «Boah, was du alles weisst!»

«Ja, aber nimm dich bloss in Acht vor dem Hausmeister. Wenn der auftaucht, dann fegt er uns mit dem Besen von der Dachrinne!»

Der Kleine zeigt auf die Frau mit zwei plärrenden Kindern an der Hand, die gerade das Haus verlassen.

«Das da ist Frau Bohnekamp. Sie schleift jeden Tag ihre schreienden Kinder zur Schule.»

 

Eine halbe Stunde später: Eine alte Frau am Rollator kommt langsam, mit trippelnden Schrittchen aus dem Haus.

«Ach, die arme Frau Reid. Tut mir manchmal leid», sagt der grosse Eiszapfen. Kurz darauf folgt ihr ein Mann mit einem Besen in der Hand.

«Der Hausmeister, scheisse! Mit dem hätte ich jetzt nicht gerechnet!»

«Und was jetzt?», fragt der kleine Eiszapfen aufgeregt.

Der Grosse blickt zu ihm rüber, zwinkert mit einem Auge und meint: «Meine Zeit ist gekommen. War nett, dich kennengelernt zu haben.» Dann löst er sich prompt in dem Moment, als der Hausmeister unter ihm steht.

«Kamikazeee!», schreit er im Fallen, bevor der Hausmeister den Besen hochheben kann.

 

 

(Anm.d.Red.: Nicht alles Gute kommt von oben.)